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Mit dem Motorrad durch Marokko (25.05. - 10.06. 1995) |
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Inhalt:
Die Reiseroute |
1. Vorwort
Um es gleich vorweg zu sagen: Nein, wir sind nicht
mit Enduros nach Marokko gefahren um die Sanddünen der angrenzenden Sahara zu
erobern, bzw. abgelegene Täler des hohen Atlas über Schotterpisten abzugrasen.
Wir bereisten dieses faszinierende Land mit zwei Tourenmaschinen (XJ 900 S).
Und doch, auch unter diesen Bedingungen, ist es
eine wunderschöne Reise geworden.
2. Die Planung Vor der Abfahrt stand, wie üblich, die Planung. Bei dieser Reise fiel sie jedoch größer aus als in den letzten Jahren. Neben das übliche Routenplanen trat das Beschaffen von „Survival" - Material über einschlägige Expeditionsausrüster - es handelte sich hier nach unseren Maßstäben ja um eine Kleinstexpedition - und das Absolvieren des empfohlenen Impfplans (Typhus, Hepatitis A und Malariaprophylaxe), was übrigens auch nicht ganz billig ist.
Die Route nun, wie sie nachfolgend tagebuchmäßig beschrieben wird, sollte, grob skizziert, folgende Richtung beschreiben: Entlang der Rhône nach Südfrankreich, über die Pyrenäen nach Spanien, entlang der Mittelmeerküste bis Andalusien und über Granada, Costa del Sol und Gibraltar nach Algeciras. Von dort mit der Fähre nach Ceuta, anschließend gegen den Uhrzeigersinn über Rabat, Casablanca, Marrakesch, Quarzazate, Tinerhir, Erfoud, Midelt, Meknes wieder zum Ausgangspunkt zurück und quasi dieselbe Strecke der Anreise retour. Alternativ zur bekannten Rückreisestrecke wäre auch eine Fahrt über Madrid, Bordeaux und Paris möglich gewesen, zumindest kilometermäßig hätte dies der Hinreisestrecke entsprochen.
3. Die Reise
Es ist jetzt Ende Mai. Ursprünglich haben wir uns die Anreise ein
bißchen einfacher vorgestellt, denn geplant ist die Fähranfahrt ab Sete bis
Tanger. Bei den gesalzenen Preisen aber entschließen wir uns dann doch
kurzfristig für den beschwerlicheren Landweg. Zumindest das Wetter läßt uns bei
Reisebeginn nicht im Stich. Die ersten gut 1000 Kilometer unserer Anreisestrecke
absolvieren wir also noch relativ locker hinter der Halbverkleidung unserer YJ
900 S und am Abend lassen wir uns am Beginn der Ardeche-Schlucht, in St. Martin
s./A., zeltplatzmäßig nieder. Bei einem französischen, landestypischen Drei -
Gänge - Menü schmeckt der Rotwein der Gegend vorzüglich und so fallen wir bald,
am Campingplatz angekommen, in einen tiefen Schlaf. Mitten in der Nacht werde
ich dadurch wach, daß Regenfluten gegen unser Zeltdach prasseln. Na toll, denke
ich mir, wenn der Regen anhält kann's morgen lustig werden.
Rechtzeitig zum Aufstehen hört der Regen jedoch auf und wir hoffen auch heute mit einem blauen Auge davonzukommen. Unser Optimismus legt sich jedoch bald. Auf der N 86 Richtung Nimes erwischt uns der nächste Regenschauer kalt. Wir flüchten in das nächstbeste Restaurant und harren der Dinge die da kommen mögen. Nach zwei Cafés au lait und einer Stunde Betrachten des Naturschauspiels durch das sichere Kneipenfenster entschließen wir uns zur Weiterfahrt, jetzt allerdings "regendicht bis an die Zähne" aufgerödelt. Der Stopp am Pont du Gard fällt dann erwartungsgemäß eher kurz aus und unser Fototermin mit Avignon sprichwörtlich ganz ins Wasser. Wir wollen nur aus der vielbesagten Schlechtwetterfront raus.
Also nichts wie zurück zur Autobahn und weiter
Richtung Süden. Kurz vor Perpignan wird doch tatsächlich das Wetter wieder
besser und so wagen wir es, uns aus den Regenkombis herauszuschälen und sollen
im Weiteren nicht enttäuscht werden. Kurz hinter der französich-spanischen
Grenze genehmigen wir uns ein wenig Kunst und Kultur, denn, wie jeder
Surrealismus-Begeisterte weiß, befindet sich in Figueres das weltbekannte Dali -
Museum mit seinen zum Teil skurrilen Exponaten. Die restlichen Kilometer der
heute gut 800 km langen Reiseroute verbringen wir auf der Autobahn, bis uns der
hereinbrechende Abend mahnt einen Zeltplatz aufzusuchen. Camping Los Naranjos
heißt der zur spanischen Hauptreisezeit sicherlich urgemütliche
Riesencampingplatz im Stile einer umzäunten Riesenschotterfläche, ohne jedes
Grün, dafür mit umso mehr Plastikrasenteppichen, die die einzelnen Parzellen, in
Schrebergartenmanier eingerichtet, schmücken. Zu unserer Freude legen die
Besitzer großen Wert auf gute sanitäre Einrichtungen, so daß wir es genießen
unter den Duschen den angesammelten Schweiß von der Haut zu waschen.
Der dritte Tag unserer
Anreise durch Spanien spielt sich anfangs auf der, ob der in Rennfahrermanier
vorbeibretternden Lastwagen infernalisch zu nennenden, N 340, Richtung Sagunto,
ab. Das Städtchen selbst ist im Grunde recht hübsch anzusehen und wird von der
sogenannten "Akropolis", einer wuchtigen Festung oberhalb des Stadtzentrums
überragt. Trotz mehrerer Versuche gelingt es uns dank geschickter spanischer
Straßenplanung nicht zur Akropolis durchzudringen, sondern wir verfangen uns,
während verschiedener Versuche, lediglich im Netz der städtischen Einbahnstraßen
und gelangen, welch Wunder, immer wieder an den scheinbar zentralen Punkt der
Stadt, eine Baustelle. So treten wir, leicht genervt, die Weiterfahrt an und
zwar auf der A 7 über Valencia, das gigantomanische Benidorm (Manhattan läßt
grüßen!), Alicante, Elche bis Murcia und weiter über die N 340 durchs
staubtrockene Andalusien via Guadix bis Granada. Also wirklich! So erbarmungslos
trocken haben wir uns die Gegend zwischen Murcia und Guadix sicherlich nicht
vorgestellt, doch nach Befahren bin ich mir sicher, daß diese Gegend mit zu den
trostlosesten Gegenden ganz Europas zu zählen ist. Nur hier und da verändern
einzelne Ackerflächen das ansonsten eintönig wüstenähnlich anmutende
Landschaftsbild. Die alte Landstraße zieht meist kerzengerade durch diese
Steppe. Von einem Dorf zum nächsten ist es weit. Da über diese Strecke der
gesamte Lkw Verkehr donnert ist es nur natürlich, daß die Straße noch mehr
begradigt und zudem verbreitert wird und wohl an die Autovia anschließen soll,
die von Guadix Richtung Granada weiterzieht. Kurz vor Guadix ändert sich das
Landschaftsbild. Die Gegend wird fruchtbarer und wirkt nach der wüstengelben
Monotonie der Vorstrecke erfrischend grün. In Guadix halten wir kurz und
genießen den Anblick teils bizarrer Felsstrukturen und Bestaunen die dortigen
Höhlenwohnungen ortsansässiger Zigeuner. Anschließend geht's weiter, am Nordrand
der noch zum Teil schneebedeckten Sierra Nevada entlang, bis Granada. Viel Zeit
haben wir natürlich nicht mitgebracht und so bleibt beim ersten Besuch hier nur
das Pflichtprogramm: die Alhambra.
Vom 600 m hoch gelegenen Granada schlängelt sich
die N 323 südwärts durch Schluchten Richtung Mittelmeer und erreicht bei Motril
Meereshöhe. Irgendwie muß es sich bei dieser Straße um eine spanische
Motorradrennstrecke handeln, denn so viele verrückte Raser habe ich selten auf
einem Haufen gesehen. Wir fragen uns, ob mehr als 10% der morgens ausfahrenden
Motorräder abends wieder heil zu Hause ankommen. Die heutigen gut 730 km
Tagesstrecke beenden wir in Almunecar, an der Costa del Sol. Der dortige
Campingplatz hat eine vorzügliche Küche und so beschließen wir den Tag mit
Rotwein der Region, Tortillas und Paella.
Heute, am vierten Tag unserer
Rundtour, wollen wir, laut Tourenbuch, nach ca. 300 km Fahrstrecke den
südlichsten Punkt des europäischen Festlands erreichen: Tarifa, an der Meerenge
von Gibraltar. Anfangs schlängelt sich die Straße entlang der Küste und wegen
des heutigen Nebels ist nur sehr selten etwas vom Meer zu sehen. Kurz vor Malaga
beginnen jedoch wieder Fahrstrecken auf mehrspurigen Autovias, so daß wir nach
eher gemütlichem Kurven entlang der Mittelmeerküste nun wieder mehr
Geschwindigkeit bekommen. Hier an der Sonnenküste reiht sich ein Hotel an den
nächsten Beach - Club, wobei sich das nachfolgende Torremolinos als echte
Katastrophe gigantomanischer, hemmungsloser Bauwüterei erweist. So "romantisch"
wie in Benidorm reiht sich ein Hochhaus an das nächste und wir sind uns sicher,
daß sich diese Schändung terraner Ressourcen einmal bitterlich rächen wird. Kurz
vor Marbella, so um die Mittagszeit, entdecken wir auf einem Hügel, nahe der
Küstenstraße, beim Ort Fuengirola, ein unserer Ansicht nach nett gelegenes
Terassenrestaurant, und da heute Sonntag ist, wollen wir uns ein ausführliches
Mittagsmahl gönnen. Vielleicht haben wir ein zu nobles Etablissement gewählt,
denn die Kellner sehen uns irgendwie komisch an, als wir in unserer Kluft die
Gasträume betreten. Erst als wir mehrfach versichern, hier essen zu wollen läßt
man uns gewähren. Wir haben uns nicht geirrt, das was man uns auftischt ist vom
Allerfeinsten: frische Salate, Gazpacho, andalusisches Huhn in einer
Gemüseterrine. Nach einer solchen Zwischenrast sollten die letzten Kilometer
doch auch noch zu packen sein. Gesagt, getan! Vorbei an diversen Golfplätzen des
eher feudalen Marbellas ist es nur noch ein Katzensprung bis La Linea und
schließlich Gibraltar.
Kaum in La Linea angekommen verfahren wir uns doch
prompt in der Innenstadt. Ein einheimischer Jugendlicher muß dies wohl sofort
bemerkt haben und bietet uns unaufgefordert seine Hilfe an. Er springt voraus
und wir folgen ihm eine Weile bis wir uns entschließen, nachdem er gerade rechts
abgebogen ist, geradeaus weiterzufahren, weil die Gegend hier nun nicht gerade
sehr vertrauenswürdig aussieht und wir nicht vor haben unsere Reise bereits hier
in irgendeinem düsteren Hinterhof zu beenden. Unsere Nase ist wohl doch der
bessere Wegweiser und so stehen wir wenige Minuten später bereits auf der
Uferstraße mit freiem Blick hinüber zum berühmten Felsen, der unserer
Vorstellung nach eigentlich viel kleiner sein müßte. Na gut, also nichts wie
rüber auf britisches Hoheitsgebiet. Weil heute, dank des Sonntags, wohl
sämtliche Läden geschlossen haben und der zollfreie Einkauf stagniert, geht die
Zollabfertigung schnell vonstatten. Leider verwehrt uns eine rote Ampel und
heruntergelassene Schranken die Weiterfahrt Richtung Stadtzentrum. Komisch,
denken wir uns, hier ist doch wohl keine Zugstrecke. Wir haben recht, es donnert
lediglich ein Flugzeug vorbei. Es handelt sich hier also um die Start- und
Landebahn des Gibraltar - Airport. Nachdem sich die Schranken heben können wir
dann doch noch unsere Stippvisite ins Straßengewirr des zusammengepferchten
englischen Zwergreichs beginnen. Von der Südspitze Gibraltars kann man immerhin,
bei gutem Wetter, die afrikanische Nordküste sehen, was uns heute leider wegen
diesiger Witterung verwehrt wird. Wir setzen unsere Umrundung also fort und
erreichen kurze Zeit später wieder die Zollstation. Freundliche gibraltesische
Zöllner winken uns an der hier beträchtlichen Autoschlange vorbei und so
ersparen wir uns doch gut eine Stunde unnötiger Warterei. Etwas genauer mit den
Kontrollen nehmen es die Spanier. Zum ersten Mal werde ich dazu angehalten vom
Motorrad zu steigen und meine Alukoffer am Heck zu öffnen. Ich denke mir, daß
die europäische Einheit hier im Süden wohl noch nicht so ganz funktioniert und
verspüre einen gewissen Groll des spanischen Zollbeamten auf die hier
eingenisteten Engländer. Tja, was ein echter Brite ist, der läßt sich so schnell
nicht einschüchtern, denn die auf der irrigen Annahme Francos basierende Aktion
aus dem Jahr 1966, durch das Schließen der Grenzen die Engländer eventuell zu
vertreiben unterschätzte die inselerprobte Hartnäckigkeit der Briten.
Wir jedenfalls denken uns unseren Teil und machten
uns auf nach Algeciras um eventuell noch heute das Fährticket nach Ceuta zu
erstehen. Dies gelingt uns dann auch überraschend schnell, so schnell, daß wir
erst nach Begleichen der Rechnung merken, doch ein wenig zu viel Geld bei
unserem marokkanischen Tickethändler gelassen zu haben. Nach zähen Verhandlungen
und nach Intervention seines Chefs werden die Preise dann doch noch zurecht
gerückt und der junge Mann entschuldigt sich für seinen Buchungsfehler, wie er
es nennt. Aha, Marokko kann wohl nicht mehr besonders fern sein! Jetzt heißt es
also aufgepaßt und nachgerechnet!
Nach diesem kurzen Einführungskurs in bald
geltende Gepflogenheiten geht’s nochmals ein Stück weiter des Wegs bis Tarifa,
vorbei an kleinen Dealern die ihr "Chocolate" an den Mann/die Frau bringen
wollen über eine landschaftlich traumhafte Küstenstraße, die herrliche Blicke
auf die hiesige Hügellandschaft ermöglicht. Ein bißchen störend, zumindest auf
den ersten Blick erweisen sich die überall auf den Hügeln plazierten
Windgeneratoren, die, einmal fertiggestellt sicherlich beträchtliche
Kilowattstunden in das dortigeStromnetz einspeisen werden. Andererseits,
ökologischer ist wohl kaum Strom zu gewinnen, bei den hier vorherrschenden
kräftigen Winden aufgrund der Landenge zwischen Europa und Afrika. Beide
Kontinente nähern sich hier wirklich bis auf Blickweite. Das Städtchen Tarifa
selbst ist nur zweiundzwanzig Kilometer von Algeciras entfernt und liegt am
äußersten Südzipfel der iberischen Halbinsel. Schon vom Anblick her weist das
ringsum mauerbewehrte Städtchen auf das nahe Nordafrika und die Innenstadt kann
maurischen Ursprung nicht verleugnen. Nicht zufällig soll hier im Sommer das
Surferparadies sein. Wir hingegen wollen es uns jetzt noch ein wenig gemütlich
machen und steuern den Zeltplatz Rio Jara an, der laut dort aushängender
Beschreibung der südlichste Campingplatz des europäischen Festlandes sein soll.
Wie auch immer. Der kilometerlange Sandstrand nahe des Platzes ist jetzt, in der
Vorsaison, paradiesisch leer und ein obligatorisches Sonnenuntergangsphoto kommt
hier echt gut.
Der fünfte Tag soll
uns nun endlich nach Nordafrika bringen. Das Frühstück fällt spartanisch aus, da
unser Benzinkocher irgendwie seinen Geist aufgegeben hat. Wahrscheinlich ist das
bleifreie Benzin doch nicht so ganz ohne (Blei) und unsere Diagnose lautet:
verstopfter Benzingenerator. Heißen Kaffee wird es also erst später in Algeciras
geben. Schön wär's, wenn wir vor Marokko noch einen Ersatz bekämen, doch diverse
Stopps in entsprechenden Läden in Tarifa und Algeciras fallen erfolglos aus. Na
ja, dann versuchen wir es eben nochmals in Marokko und schauen, daß wir
ansonsten ohne Kocher zurecht kommen. Nach diesem Entschluß genehmigen wir uns
erst einmal ein Notfrühstück in einem Straßencafe, um dann im nahen Hafen auf
unsere Fährüberfahrt zu warten und hoffentlich im Folgenden mehr Glück zu haben.
Besonders lange hält unser Wunschdenken jedoch nicht an, denn bereits bei der
Hafeneinfahrt werden wir erneut, treudoof wie wir sind, aufs Kreuz gelegt.
Normalerweise würde man ja, wenn man genau überlegte und hinschaute, diesen zwei
Typen nicht für fünf Pfennig Glauben schenken. Wir jedoch drücken beiden unsere
Fährtickets in die Hand, da sie in Ihrer aufdringlichen Art darauf bestehen, sie
im nahen Hafenbüro abstempeln lassen zu müssen. Kaum im Gebäude drinnen und ehe
wir uns versehen, stehen sie wieder vor uns und verlangen 200 Pts. für eine
nichterbrachte Hilfeleistung, denn die angeblichen Stempel des Hafenbüros sind
bereits seit Ticketerwerb auf dem Papier. Nach kurzem Wortwechsel und ein paar
Pesetas Auslöse kommen wir dann doch noch in den Genuß in den Fährhafen
einfahren zu dürfen.
Die 1,5 stündige Überfahrt verläuft dann noch ganz
reibungslos und so erreichen wir Ceuta, wo wir unsere Benzinvorräte ergänzen.
Die nun folgenden Grenzformalitäten meistern wir mit Hilfe eines sich
ausweisenden offiziellen Führers, der für seine freiwilligen Dienste natürlich
auch entlohnt werden will. Weiter ging's anschließend über Tetouan, Larache und
Kenitra in Richtung Salé, das letzte Stück über eine gebührenpflichtige
Autobahn. Unser Pech verfolgt uns weiterhin. Für den von uns ausgesuchten
Campingplatz am Plage des Nations müßten wir irgendwo zwischen Kenitra und Salé
die Autobahn verlassen, doch leider gibt es keine einzige Ausfahrt auf dieser,
in unserer Straßenkarte noch nicht verzeichneten Strecke. Also stehen wir,
bereits in der Abenddämmerung, irgendwo in Salé und suchen die P2 zurück
Richtung Kenitra, immer noch guter Hoffnung, vor Einbruch der Dunkelheit einen
Campingplatz gefunden zu haben.
Eine halbe Stunde später, am Plage des Nations,
ist diese Hoffnung dann doch dahin, denn außer einem "arschteuren" Hotel gibt es
keine weiteren Übernachtungsmöglichkeiten und nur noch wenige Minuten sind es
bis zur vollkommenen Dunkelheit. Langsam kommt erste Hektik auf. Es bleibt uns
also nur die Wahl weiter bis nach Kenitra zu fahren oder zurück nach Salé.
Beides ist in der Dunkelheit ein gefährliches Unterfangen. Denn erstens fahren
die meisten Marokkaner bei Dunkelheit ohne Licht Auto und zweitens erscheint es
nach Anbruch der Nacht nicht mehr ratsam mit Motorrädern in unbekannte
marokkanische Städte zu fahren. Wir jedoch ignorieren gezwungenermaßen beides
und machen uns auf den Weiterweg nach Kenitra. Mit etwas Glück durchqueren wir
das verwirrende Gewimmel der Stadt und vertrauen uns schließlich einem gut
französisch sprechenden Stadtpolizisten an. Mit dessen Hilfe gelingt es uns dann
doch noch den städtischen Campingplatz La Chendie, an der Pferderennbahn zu
finden, wo wir nach den heutigen, etwas chaotisch verlaufenden 440 km, dankbar
einfahren.
Der Rest des verbleibenden Tages läßt sich dann
noch einigermaßen gemütlich gestalten, zumindest, wenn man sich, wie wir, mit
kaltem Fertigessen aus der Dose zufrieden gibt und ohne einen Schlummertrunk mit
Bier oder Wein zurecht kommt. Jedenfalls reden wir uns ein, daß es von jetzt an
ja nur besser werden könne. Die folgende Nacht ist dann doch noch relativ
hektisch, denn irgendwann geht draußen die Alarmanlage eines unserer Motorräder
los. Da wir die einzigen auf dem Platz sind, wird uns doch ein wenig mulmig
zumute, aber wer unbedingt Abenteuer erleben will..... Also schnell zum CS - Gas
und zur Taschenlampe gegriffen und raus. Gott sei Dank handelt es sich wohl um
eine Fehlschaltung, denn unsere Verbrecherjagd bleibt erfolglos. Ebenso beim
zweiten Fehlalarm. Die weitere Nacht bleibt dann noch, bis auf das nerventötende
Gebell ums Zelt streunender Hunde, ereignislos.
Der sechste Tag beginnt für uns mit
einem spartanischen Frühstück und gegen 8.00 Uhr verlassen wir
unseren gestrigen Zufluchtsort. Bei Tageslicht betrachtet, sieht die fremde
Stadt nicht mehr ganz so angsteinflößend aus. Wir verlassen die Stadt und wenden
uns, südöstlich haltend, vorbei am Mamora-Wald - dem größten, vor allem aus
Korkeichen bestehenden Waldgebiet Marokkos - Richtung Salé, nicht ohne zuvor
jedoch Mehdia, einem alten Piratenort unsere Aufwartung gemacht zu haben. Der
heute als bedeutendste US-Militärbasis und größter Kriegshafen Marokkos geltende
Ort bietet touristisch, neben Zeitzeugnissen einer belebten multikulturellen
Vergangenheit, vor allem einen Sandstrand. Dies soll für die nächste Zeit unsere
letzte Meerberührung bleiben.
(Salé-Rabat)
Die Doppelstadt Salé-Rabat nehmen wir aussichtsmäßig quasi im Vorbeifahren. Uns ist weniger nach dem hektischen Treiben der Großstädte. Wir wollen ja eher den "ruhigen" Süden kennenlernen. Die anschließende Autobahnfahrt von Rabat nach Casablanca zeigt uns, daß man hier zumindest, in der Nähe der Hauptstadt Marokkos, nicht europäischen Standards nachstehen möchte. Gebühren sind hier ebenso obligatorisch wie Radarfallen der marokkanischen Polizei.
Vor Casablanca biegen wir ab Richtung Süden und fahren auf der sehr befahrenen P 7 über Settat und Benguerir nach Marrakesch. Zum erstenmal erleben wir die unsägliche Hitze im Landesinneren. Motorradfahren, während der Mittagsstunden, bei gut 40 Grad im Schatten, wird regelrecht zur Qual. Zwischenstopps zum "Wassertanken" werden obligatorisch, will man sich nicht freiwillig dem Hitzetod überantworten.
Zur Hitze gesellen sich zwei weitere belastende Faktoren. Der anfangs recht dichte Ausfallverkehr Casablancas ringt unseren Lungen Äußerstes ab. Aufgrund der teilweise chaotischen Fahrweise mancher Einheimischer und der oft unübersichtlichen und smogvernebelten Straßenführung werden wir zu längeren "Schleichfahrten" hinter rußschleudernden Trucks oder 200er - MB - Diesel, gezwungen. Kaum läßt der Verkehr nach holt uns die schier endlose Weite des Landes ein: die Vegetation dieses Gebietes ist trostlos trocken, keine menschliche Ansiedlung auf oft 30 - 40 km Entfernung und dazu die monoton geradlinige Straßenführung. Und doch leben hier Menschen! Überall wo die Natur einen vertrockneten Strauch hat entstehen lassen, liegen darunter Mensch und Tier und warten, bis es gegen Abend kühler wird. Dies ist wohl die einzige naturangepaßte Existenzmöglichkeit für Lebewesen in dieser Gegend. Was die wohl über die beiden Motorradfahrer denken, die hier durch die Mittagshitze fahren?
Ziemlich genervt und ausgelaugt kommen wir nach
heute knapp 400 km und 5 h 35 min. in Marrakesch an. Der erste Stopp an einer
Ampel beschert uns einen "befahrenen" Führer, der uns, nach kurzem Handel, in
das von uns gewünschte Hotel Toubkal (Swimmingpool, Bar, Klimaanlage, usw.)
lotst. Endlich Zeit sich zu pflegen und zu relaxen. Die ca. 350 DH sind wahrlich
nicht in den Sand gesetzt, das Schwimmbad wird ausgiebig benutzt, wir freuen uns
auf eine Nacht in echten Betten. Doch zuvor ist eine Stadtbesichtigung angesagt. Obiger "Führer" hat uns doch tatsächlich noch zu einer Besichtigungstour überredet und schleust uns durch die Medina Marrakeschs. Nach vorwiegender Besichtigung von Teppich- und Kunsthandwerksgeschäften und meinem dezenten Hinweis, daß wir eigentlich kulturelle Angebote der Stadt sehen wollen und auf keinen Fall die Absicht haben nur seine Bekannten finanziell zu unterstützen, fordert er seine 30 DH Führerlohn und wir finden uns Sekunden später, alleine gelassen, in den Souks wieder. Die restliche Besichtigung, alleine, nur mit Buch und ohne nervenden Führer, gestaltet sich dann noch ganz nett und wir finden schließlich ohne fremde Hilfe zum Djemma el Fna und über diesen und die Koutoubia-Moschee wieder zum Hotel zurück.
(Djemma el Fna)
Dort angekommen versorgen wir erst einmal unsere
Motorräder. Ein Glück, daß es hier doch tatsächlich nur so von Brüdern, Onkeln,
Schwagern usw. wimmelt. Der Hotelportier kennt, natürlich rein zufällig, einen
Verwandten, der unsere Motorräder für wenige DH im Innenhof des Hotels bewachen
will. Na ja, lieber ein glücklicher Portier, denken wir uns, als ein Morgen ohne
Motorräder. Wir geben also die geforderten 10 DH dem Nachtwächter, nicht ohne
jedoch die Motorräder ordnungsgemäß abzuschließen. Sicher ist schließlich
sicher! Den restlichen Abend verbringen wir im Terrassenrestaurant unseres
Hotels mit reichlich europäisch angehauchtem Essen und, welch Glück, mit
mehreren Flaschen Bier.
Der siebte Tag beginnt erstmals wieder mit einem ordentlichen Frühstück. Um 8.30 Uhr verlassen wir unser "Feudaldomizil" mit Fahrtrichtung Süden. Ganz so einfach, wie wir uns gedacht haben, fällt es uns jedoch nicht, den Weg nach Quarzazate ausfindig zu machen. So irren wir anfangs erst einmal 'ne gut halbe Stunde durch die Stadt bis wir uns entschließen, einen Passanten nach dem richtigen Weg zu fragen. Dann aber geht es zügig weiter, über die P 31, Richtung Quarzazate. Die Straßen werden schlechter, der Belag besteht aus sehr grobkörnigem Asphalt. Entlang kleiner Siedlungen bewegt sich die Strecke in zunehmenden Serpentinen auf den Hohen Atlas zu. Hier befinden sich an jeder nur erdenklichen Ecke Steinhändler, die außergewöhnlich bunte Quarze verkaufen.
Erst der zweite Blick zeigt, daß die Farbgebung nicht natürlichen Ursprungs ist, sondern aus rein kaufmännischen Überlegungen der Händlerfamilien herrührt. Je bunter der Stein, desto größer wohl die erwartete Verkaufschance. Auch wir kommen nicht umhin ein paar selten bunte Steine zu erfeilschen und gleichzeitig einige unserer "Geschenke" loszuwerden.
Bei jeder auch noch so geringen Rast werden wir in kürzester Zeit von einer Horde Steinhändler und deren Familie umringt. Wir sind verblüfft ob der Tatsache, daß, egal wo wir auch anhalten wollen, immer schon einige Einheimische vorher da zu sein scheinen, ganz wie bei der Geschichte mit dem Hasen und dem Igel. Bis mitten in den Fahrweg stellen sich die Händler und versuchen uns durch vor das Gesicht gehaltene Steine zum Anhalten zu nötigen. Wir sind heilfroh, als wir auf der Paßhöhe des Tizi n'Tichka (2260 m) ankommen.
Etwas zügiger geht's dann bergab. Vorbei an ein paar kleineren Getreide-Speicherburgen schlängelt sich der Weg talabwärts bis nach Quarzazate.
Die angenehme Kühle des Gebirges verwandelt sich
langsam wieder in drückende Schwüle. Es ist bereits wieder gegen Mittag und die
Gegend wandelt ihr Gesicht unaufhörlich in ein trostloses Sandsteingelb. Jedes
Grün und damit Leben verschwindet aus der vorhandenen Farbpalette. Wir
entschließen uns, nach kurzer Beratung, den ursprünglichen Weg ins Drâa-Tal bis
Zagora aufzugeben und dafür gleich weiter durch das Dadès-Tal zu fahren. Die
brütende Hitze macht es leichter diese Entscheidung zu treffen.
Wir wollen heute noch weiter Richtung Er Rachidia, entlang der Straße der Kasbas. Zuvor besichtigen wir die Kasbah Taourirt, eine der größten und schönsten Wohnburg-Komplexe des Landes.
Der Weiterweg führt über die P 32 in West - Ost
Richtung, entlang der Hauptdörfer und Oasen des Dadès-Tales und zahlreicher mehr
oder weniger bereits verfallener Kasbahs. Nach Fahrt über ein kurzes
Wüstenplateau erblickt man rechter Hand einen, in dieser Gegend unnatürlich grün
wirkenden Landstrich. Es handelt sich um die Sité Touristique du Lac, ein
künstlich geschaffenes Touristen - Idyll, geschaffen durch das Aufstauen des
Dadès und des Drâa. Angesichts der hier herrschenden Armut ein unglaublich zur
Schau gestellter Snobismus reicher Marokkaner und international bekannter
Schauspieler, die sich hier mit Golf, Reiten und Surfen vergnügen. Wir denken
uns unseren Teil und fahren weiter.
Natürlich muß man mindestens eine der nun folgenden diversen
Speicherburgen von innen gesehen haben und so steuern auch wir eine, nahe der
Straße gelegene, an. Der Empfang der dort wohnenden Kinder ist wie immer
herzlich. Besonders eindrucksvoll erscheint immer wieder die Gabe der kaum
Einjährigen, die zwar noch Mühe haben sich auf den Füßen zu halten, aber bereits
fließend "Un Dirham" radebrechen. Na ja, Geld geben wir Ihnen keines, aber wir
können wenigstens die mitgebrachten Luftballone und Kugelschreiber loswerden. Die erste Großoase, durch die unser Weiterweg führt ist Skoura. Hier werden Rosen angebaut aus denen die Einheimischen wohlriechendes Rosenöl herstellen. Eine kurze Verschnaufpause an der Straße beschert uns (natürlich) eine Begegnung, dieses Mal mit zwei Kindern, die uns mit einem herrlich duftenden "Rosenkranz" beehren. Zumindest der Geruchssinn erhält hierdurch eine gewisse Stimulation, während das Sehen durch den eintönigen Wüstencharakter weniger gefordert wird.
Kurz hinter Skoura erreichen wir eine weitere
Paßhöhe, den Tizi n'Taddert (1370 m). Zwei weitere Oasen, El Kelâa des Mgouna
und Boumalne du Dadès, schließen an. Boumalne, ein eher geschäftig wirkender
Marktort bildet gleichzeitig den Endpunkt unserer Fahrt durch das Dadès-Tal. In
Boumalne bewegt sich die P 32 aus dem Tal und wir lassen den schmalen
Palmenstreifen des wasserführenden Flusses zurück.
Weiter geht es durch die angrenzende Steinwüste nach Tinerhir, eine der schönsten Oasen des Landes. Hier wollen wir irgendwo unsere Zelte aufschlagen, was wir uns nach den heutigen 420 km und 7 Stunden Fahrzeit verdient haben. Ein kleiner Campingplatz "Azlak", Richtung Gorge du Todra, soll uns diese Nacht beherbergen. Wir sind die einzigen Gäste und so stellen wir unser Zelt auf dem Dach der dazugehörenden Kneipe auf.
Zum Abendessen gibt es heute Couscous, Salat und natürlich Thé à la menthe. Die Nacht ist herrlich ruhig, der Sternenhimmel selten so klar wie heute. Nach dem Frühstück mit Orangenmarmelade und eher ranzig schmeckender Butter wollen wir heute, am achten Tag, zuerst die Todra-Schlucht besichtigen. Sie zählt sicherlich mit zu den schönsten Landschaften Marokkos und beherbergt phantastische Felsformationen, die Kletterer geradezu einladen. Am Beginn der Schlucht wird natürlich erst einmal ein "Wegezoll" (2 DH) erhoben. Mit unseren Maschinen, sollte sich bald hinter der ersten Biegung der tief eingeschnittenen Schlucht herausstellen, ist hier jedoch nichts auszurichten. Nach der ersten Flußdurchfahrt werfen wir das Handtuch.
(Gorge du Todra)
Diese Piste ist Enduros vorbehalten, am
besten nur leicht bepackt. Wir drehen um und fahren zurück bis Tinerhir. Hier
wird erneut getankt, Geld gewechselt und Briefmarken für unsere Postkarten
erstanden.
Der Weiterweg führt auf der P 32 Richtung Er Rachidia bis Tinejdad. Von dort soll, laut Karte, eine Asphaltstraße direkt nach Erfoud im Tafilalt führen. Wir schlagen also den direkten Weg ein und sollen nicht enttäuscht werden, handelt es sich bei dieser Streckenführung um eine Reise durch Niemandsland, quasi als Vorstufe einer Wüstendurchquerung via Sandpiste, doch durch den für die Gegend recht komfortablen Asphaltbelag für unsere Maschinen noch gut machbar. Entlang des Qued Gheris, an den Ausläufern des Djebel Ougnat durch die Ebene "Plaine de Marrha" geht es durch kleine Oasen und Ksare, die wie ausgestorben in der Mittagssonne stehen. Nur einige Ziegenhirten mit ihren Herden trotzen der sengenden Hitze und versorgen sich an Tiertränken mit Wasser, das zuvor jedoch recht mühsam aus der Tiefe mittels Ziehbrunnen zu Tage befördert wird.
Etwas später beobachteten wir Dorfbewohner,
die noch wie zu Urzeiten Getreide dreschen und die Spreu von der Frucht trennen.
In einem weiteren Dorf geraten wir in eine Hochzeit. Alles ist auf den Beinen
und traditionell festtäglich gekleidet. Schon am frühen Nachmittag, nach nur knapp 4 Stunden und 241 km, treffen wir in Erfoud ein, mit ca. 11.000 Einwohnern Hauptstadt des Tafilalt, einem der größten zusammenhängenden Oasengebiete Nordafrikas und dem größten Marokkos. Der Ort selbst, früher bedeutender Karawanenstützpunkt, ist gekennzeichnet durch seine roten Lehmbauten. Hier soll es also einen Campingplatz geben. Wir machen uns auf die Suche und finden ein recht trostloses, von Mauern eingezäuntes Gelände mit unverwechselbar spartanischen sanitären Einrichtungen.
Sogar unmöblierte Zimmer werden zum Mieten
angeboten, doch erscheint uns unser Zelt noch komfortabler als diese an
Gefängniszellen erinnernden, zum Teil sehr verdreckten Räumlichkeiten. Hier, am
südöstlichsten Punkt unserer Reise treffen wir doch tatsächlich auf unsere
ersten deutschen Biker, ein frischvermähltes Paar aus Krefeld. Dies ist ihre
Hochzeitsreise! Der weitere Nachmittag und Abend gestaltet sich recht angenehm
und kurzweilig. Wir unternehmen noch kurz einen Abstecher nach Rissani und
gönnen uns am Abend mit unseren deutschen Zeltnachbarn Achim und Susanne ein
hervorragendes Abendessen im Hotel Tafilalet, endlich mal wieder mit reichlich
Bier und zwar soviel, daß wir zur Feier des Tages vom Chef des Hauses ein Bier
umsonst bekommen, das wir, während des gegenseitigen Austauschs von
Reiseanekdoten, genußvoll am Pool einnehmen. Der Fußweg zurück zum Campingplatz
ist dann noch sehr nervig, da wir recht penetrant von Straßenhändlern belabert
werden, die uns bis zum Campingplatz verfolgen.
Der neunte Tag ist angebrochen und wir brechen nach gemeinsamem Frühstück, dank eines funktionierenden Esbitkochers unserer Reisebekanntschaften, mit heißem Kaffee, Richtung Norden auf. Entlang des Qued Ziz schlängelt sich die Straße durch das palmenbewachsene Ziz-Tal, vorbei an kleineren Sanddünen künstlichen Wassergeysiren, Ksaren und Kasbahs, bis sie das Tal bei Oulad-Aissa verläßt. Die Wasserfontänen sind hier aber künstlicher Natur. Wie wir uns informiert haben, hatten hier amerikanische Geologen nach Wasser gegraben und, wie man unschwer sehen konnte, auch reichlich gefunden. Durch den Schwemmdruck des Hohen Atlas wird das Wasser nach oben befördert. Da im Gebiet des Tafilalt im Tertiär allerdings ein Ozean war, ist das Sedimentgestein ziemlich calzium-haltig. Es handelt sich also um leicht salzhaltiges Wasser, das unaufbereitet, nicht zum Genuss geeignet ist.
Ein kurzer Halt an einer Aussichtsplattform erlaubt ein letztes Mal den Blick ins tief eingeschnittene Tal des Qued Ziz, während sich die Straße vor uns langsam nach oben windet.
An der Source bleu de Meski legen wir den nächsten
Stopp ein und bestaunen die von der Planung her sehr schöne Anlage, wo das
Quellwasser, nachdem es durch mehrere Steinbecken geflossen ist, die umliegenden
Oasengärten bewässert. Das Wasser selbst erscheint uns jedoch kaum, wie der
Namen vermuten läßt, besonders blau und rein, sondern eher fadgrün und trübe. Mehrere Kilometer weiter erreichen wir dann Errachidia, heutiger Militärstützpunkt am Rande der Wüste gelegen und ohne besondere kulturelle Reize. Weiter führt uns unser Weg weiter Richtung Norden, jetzt immer mit Blick auf die, in herrlichen Bernstein- bis dunklen Brauntönen facettenreich schimmernden, steil aufragenden kahlen Bergflanken des Hohen Atlas, vorbei am Stausee Hassan Abdhakhil, der, zumindest von der Ferne zum Baden einlädt. Ein am Straßenrand liegendes, halbverwestes Pferd vergällt uns das längere Verweilen und so fahren wir weiter flußaufwärts, durch wunderschöne Palmoasen. Anschließend geht's wieder durch ein Stück der Gorge du Ziz, Richtung Tunnel du Legionnaire, einem Produkt französischer Militärherrschaft, der zwei Berge des Hohen Atlas, Jbel Izouggarn (2118m) und Jbel Tizi n'Firest (2080m) durchschneidet. Gute 20 km weiter erreichen wir um die Mittagszeit eine schön an der Straße gelegene Tankstelle. Im angeschlossenen Restaurant El Fath, mit SAT 1 Empfang, genießen wir ein herrliches Mittagessen, bevor wir uns durch hier oft nur arabisch beschilderte "Landschaften", Ortschaften und Pässe (Col du Talhremt, 1907m) weiter Richtung Midelt davonmachen. Die Gegend hier zeichnet sich durch eine weitgehend von Touristen verschonte Attitüde aus, was sicherlich an der geringen kulturellen Attraktivität liegt. Wir empfinden hier eine sehr ruhige, wenig touristisch verdorbene Atmosphäre marokkanischer Ursprünglichkeit, inmitten des landschaftlich abwechslungsreichen und klimatisch angenehmen Gebiets des Mittleren Atlas. Seit Tagen breitet sich endlich wieder einmal das Gefühl aus nicht mehr nur Gehetzte eines selbst auferlegten Zeitplans oder Flüchtende vor aufdringlich bettelnden Kindern zu sein. Erstmals wieder grüne Wiesen und die nahen, noch schneebedeckten Gipfel des Gebirges wirken beruhigend auf uns. Midelt, Bergwerksort mit ca. 30.000 Einwohnern auf ca. 1500 m gelegen, hinter uns lassend, steuern wir, nach nur dreieinhalb Stunden Fahrt und 251 km Tagesstrecke, gegen 14. 30 Uhr, gelassen den Endpunkt unserer heutigen Tagesetappe an. Das an der P 21 gelegene Café - Restaurant Timnay, mit angeschlossenem Campingplatz, soll unsere Herberge für diese Nacht sein.
Der Campingplatz zeigt sich uns als frisch
angelegt, die gepflanzten Bäumchen müssen noch einiges wachsen, bevor sie
genügend Schatten spenden können. Das ebenfalls vorhandene Schwimmbad lädt nicht
gerade zum herzhaften Sprung ins kühle Naß ein, dafür sind die sanitären Anlagen
jedoch so sauber, daß das Duschen mit warmem Wasser regelrecht als Wohltat
bezeichnet werden kann. Durch die rund 1600 Höhenmeter ist auch die Hitze des
Tages sehr erträglich. Wie so oft, sind wir auch heute wieder die Einzigen, die
hier ihr Zelt aufgeschlagen. Das zur Anlage gehörige Restaurant, mit
Lebensmittel- und Souvenirladen, im Kasbahstil erbaut, erlaubt auf seiner zur
Straßenseite gerichteten verglasten Terrasse den Blick auf das Massiv des
schneebedeckten Jbel Ayachi (3737m). Das Essen, wie üblich Tajine, heute mit
Keftaklößchen, ist lecker. Der Abend vergeht im anregenden Gespräch mit einigen
jüngeren Marokkanern über "Gott und die Welt", u.a. mit "Ben", dem "Basaristen"
des Platzes, wie im Fluge. Die Nacht ist angenehm kühl.
Der zehnte Tag bricht an und mit ihm
so langsam die Gewißheit, bald dieses Land wieder verlassen zu müssen und die
Heimreise anzutreten. Wir bewegen uns Richtung Norden, immer entlang der P 21,
immer weiter auf dem Hochplateau des Mittleren Atlas in Höhen bis über 2100m.
Durch das kleine Bergbaustädtchen Zeida geht es Richtung Col du Zad, Paßhöhe
2178m. Die Landschaft wechselt zwischen wüstenartigem Aussehen, zedernbewaldeten
Flecken und Gebirgsvegetation mit Gras und Büschen. Immer wieder stehen am
Straßenrand Nomadenzelte und Hirten bewachen ihre Ziegenherden. Ein kleines
Hinweisschild weist uns den Weg zum Aguelmame des Sidi Ali, einem glasklaren
Kratersee, inmitten des hier schwarzen Vulkangesteins. Wir befahren ein Stück
die geteerte Uferstraße und wollen dann kurz rasten um bei der Gelegenheit auch
gleich die Tanks mit unserem Reservebenzin zu befüllen. Als hätten wir es
geahnt, kaum stehen wir, bewegt sich auch gleich aus zwei wenig entfernten
Nomadenzelten eine Kinderhorde auf uns zu, um uns zufälligerweise mal wieder
nach Geschenken anzubetteln. Nach Bezahlen des obligatorischen "Wegezolls"
fahren wir weiter durch eine felsige Gegend Richtung Timahdite. Kurz vor Azrou,
an der Abzweigung nach Mischliffen, Ifrane halten wir an einem schön gelegenen
Restaurant, inmitten einer an den Schwarzwald erinnernden Wiesenlandschaft. Ein
Skilift an einem nahem Hügel (Jbel Hebri) erinnert an eine Sportmöglichkeit, die
sich hier in der kälteren Jahreszeit anbietet. Doch auch jetzt, Anfang Juni,
genießen wir die angenehme Kühle inmitten von grünen Wäldern und erholen uns von
den Hitzestrapazen der Tage im Süden des Landes. Wenig später, kurz vor Azrou,
durchqueren wir den ausgeschilderten Forêt de Cedres, mit der angeblich größten
Zeder Marokkos, der Cedre Gouraud. Die in den Wäldern umherspringenden
Affenhorden lassen sich trotz Bemühens nicht photographieren.
(Cedre Gouraud)
Hinter Azrou steigt die Landschaft erneut zum Hochplateau von Ito, mit Paßhöhe 1428m an. Wir lassen die Vulkanlandschaft hinter uns und bewegen uns zielbewußt auf Meknes zu. Die Stadt selbst wollen wir nicht besichtigen und so sind wir froh, als wir nach kurzem Suchen die Durchfahrt finden.
Unser heutiger Endpunkt soll der Campingplatz
Belle Vue, an der P 28 bei Moulay Idris sein. Obwohl fast die einzigen Gäste des
Platzes, erklärte sich der Besitzer bereit uns später ein Abendessen zu kochen.
Der Platz und die Gebäude strahlen etwas von "1001 Nacht" aus, die Anlage, wenn
auch zum Teil bereits wieder verfallen, gleicht einer kleinen Oase.
Wir machen nach den üblichen Verrichtungen eines
Campers noch einen kleinen Ausflug nach Moulay Idris, der ältesten Stadt
Marokkos und gleichzeitig auch Pilgerstätte, sowie Volubilis, mit seinen
römischen Ruinen, den größten noch erhaltenen in Nordafrika.
(Moulay Idris) (Volubilis)
Das Abendessen genießen wir in orientalischer
Manier.
Der zwölfte Tag unserer Rundfahrt
beginnt um 6.30 Uhr. Die zuerst geplante Strecke über Quezzane,
Chefchaouene und Tetouan, entlang der westl. Ausläufer des Rif-Gebirges, zurück
nach Ceuta, verwerfen wir aus Kenntnis der oft unsicheren Lage in Zusammenhang
mit Rauschgift - Banden, die, wie man gehört hatte, mehrfach Ausländer zum
Erwerb von Haschisch nötigten. Wir entscheiden uns für die etwas längere, aber
sicherere Strecke über Sidi-Kacem und Souk-el-Arba-du-Rharb, wo wir wieder auf
die uns bekannte Strecke Richtung Ceuta stoßen. Bis zur Grenze verläuft die
Fahrt eher ereignislos. Die Grenzformalitäten managen wir nun selbständig, die
Ausreisekontrollen halten sich in Grenzen.
In Ceuta angekommen genehmigen wir uns erst einmal
eine gemütliche Tasse Tee, denn bis zur Rückfahrt um 16.30 Uhr
ist noch eine ganze Menge Zeit.
Bereits seit gestern Abend zeigte sich bei mir
eine leichte Reisediarrhoe, die sich heute zu einer ausgemachten Gastroenteritis
zu steigern scheint.
Vor der Fährabfahrt müssen wir uns noch
ausgedehnten Sicherheitsmaßnahmen der spanischen Polizei unterziehen, die zur
Rauschgiftfahndung auch Spürhunde einsetzen.
Während der Überfahrt, beim Genuß einer Dose Bier,
überkommen mich die ersten Schüttelfröste, trotz der großen Hitze friere ich
erbärmlich und zähle die Minuten bis zur Ankunft in Algeciras. Beim
Herunterfahren von der Fähre nochmals derselbe "Zinnober" mit den
Grenzkontrollen. Wir stehen auch noch zu allem Unglück in einer langen Schlange
hinter unzähligen Autos, denn heute, sonntags, nutzen wohl viele Ausflügler die
Gelegenheit zu einer Stippvisite in die spanische Enklave. Mein
Gesundheitszustand wird immer besorgniserregender. Wenn ich jetzt nochmals vom
Motorrad absteigen muß, falle ich doch glatt, mitsamt der Kiste, dem Zollbeamten
vor die Füße. Die Vorsehung hat jedoch ein Einsehen mit mir und so kommen wir
ungeschoren über die Grenze. Jetzt aber sofort Richtung Campingplatz!
Die Kilometer bis dorthin ziehen sich meinem
Empfinden nach auch ewig in die Länge und heute, wenn ich drüber nachdenke, bin
ich mir auch nicht mehr ganz sicher, wie ich die Strecke letztendlich bewältigt
habe. Der geschwächte Körper und das letzte kalte Bier versetzten mich in eine
Art Trance-Zustand und ich bin froh, daß meine Maschine anscheinend alleine den
Weg fand.
Am Zeltplatz in Tarifa -Rio Jara, wie bekannt-
endlich um 19.00 Uhr angekommen, nach insgesamt fünfeinhalb
Stunden Fahrt und 381 gefahrenen Kilometern, falle ich quasi vom Motorrad. Das
Zeltaufbauen bekomme ich dann schon gar nicht mehr mit, das wird von meinem
Bruder gemeistert. Ich lege mich, zum Sterben bereit, auf meine Iso-Matte und
falle in einen Halbschlaf. Wenn ich heute drüber nachdenke, dann führten
sicherlich mehrere Faktoren mit zu diesem Erschöpfungszustand. Zum einen waren
da die Anstrengungen der letzten Wochen, die Hitze, das sicherlich zu geringe
Wasserreservoir in meinem Körper und dann die mehrfachen Berührungen mit nicht
abgekochtem Wasser und dem Verzehr mehrerer Salate. Mal wieder nicht auf
Warnungen gehört!
Also die kommende Nacht verbringe ich mit immer
wiederkehrenden Schüttelfrostanfällen und halbstündlichen Sitzungen auf der
Toilette des Platzes. Zum Glück haben wir an Elektrolytersatz und Aspirin
gedacht.
Der dreizehnte Tag ist für mich
nicht besonders erlebnisreich. Geschwächt wie ich bin, verbringe ich ihn,
abgefüllt mit diversen Tabletten und Pulvern, mit viel Schlaf, unzähligen
Toilettengängen und wenig Nahrung, dafür um so mehr Flüssigkeit. Das Essen des
Platzrestaurants, das wir probieren, ist auch nicht besonders erwähnenswert.
Am 14. Tag ist wieder Rückfahrt
angesagt. Um neun Uhr, zwar noch etwas schwach auf den Beinen aber doch soweit
fit mich auf dem Motorrad zu halten, brechen wir die Zelte ab. Entlang der Costa
del Sol geht es in nervtötendem "Küstenstraßengegurke" bis Almeria, dann
schneller, über Murcia und Alicante bis Calpe an der Costa Blanca, nur eine
Station nördlicher wie Benidorm, dem Traumziel deutscher Pauschaltouristen. Der
spartanisch angelegte Campingplatz "Levante" zeigt sich im Preis, den
Touristenverhältnissen angemessen, recht teuer (ca. 2500 Pts.). Das überraschend
gute Abendessen (Paella) genießen wir zwischen den Hochhäusern der
Strandpromenade. (Tageskilometer: 777 km; Fahrzeit: 9 h 15 min.)
Tag Nr. 15 unserer Wahnsinnstour
verbringen wir ebenfalls vornehmlich auf den Autobahnen Spaniens, die
Streckenführung entspricht der Hinreise. Bemerkenswert ist in Spanien lediglich
noch der Zöllner an der Grenze zu Frankreich, der uns in selbstgefälliger Manier
nach unseren Auenthaltsorten und -zeiten in Spanien befragt. Gibt es da nicht
bereits ein "Schengener Abkommen", das die innereuropäischen Grenzformalitäten
im Privatreiseverkehr erleichtern soll?
Nach 942 gefahrenen Kilometern und achteinhalb
Stunden Fahrt erreichen wir gegen 20.15 Uhr den Camping
municipal "La Sousta" in Remoulins, am Pont du Gard. Hier hat man nun, ganz im
Gegensatz zu Calpe, den Eindruck, daß es sich um den Treffpunkt frankophiler
Oberstudienratsfamilien handeln muß. Es ist jedoch auch ein herrlich
geschichtsträchtiges Stückchen Erde, so zwischen altertümlichen Zeugnissen
vergangener gesellschaftlicher Blütezeiten, ganz zu schweigen von der herrlichen
Waldlage und den komfortablen sanitären und sonstigen Einrichtungen.
Der 16. Tag soll erneut dem Ausruhen
dienen bzw. der Besichtigung des nahen Avignon, was ja bekanntlich auf der
Hinfahrt wegen Regens ausfallen mußte. Heute beschränkt sich das Motorradfahren
demnach auf die Anfahrt zur Stadt Avignon. Die Besichtigung konzentriert sich
vornehmlich auf den mittelalterlichen Papstpalast und die teils romanische
Kathedrale der Stadt. Den Ausklang des Tages bilden ein Spaziergang über den Pont du Gard und das Schwimmen im campingplatzeigenen Swimmingpool.
(Tageskilometer: 63 km; Fahrzeit: 1 h).
Der letzte, 17. Tag unserer Tour,
ist ganz der Rückfahrt gewidmet, wobei die Strecke, der der Hinfahrt entspricht.
(Tageskilometer: 1007 km; Fahrzeit: 9 h).
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