OSSAM

Obra Social Santa Maria

Entwicklungshilfeprojekt

 

der Franziskanerinnenkongregation

Maristella do Brasil

in

Timbaúba- Pernambuco

Brasilien

 

 

                 

 

                  Projektbericht 2008                 -

 

1. Entwicklungshilfe in Brasilien

Brasilien ist ein gigantisches Land, in jeder Hinsicht. Die Autoren hatten die Gelegenheit Teile dieses Landes kennen zu lernen, es sowohl als Touristen zu bereisen, aber auch Kontakt zu den Unterprivilegierten, den Armen und oft Vergessenen zu erhalten.

Seit Jahren fördern die Autoren soziale Projektarbeit in armen Regionen dieser Erde, unter anderem auch in Brasilien. Es handelt sich hierbei um ein Projekt deutscher Franziskanerinnen aus dem Kloster Maria Stern in Augsburg. OSSAM, so die Abkürzung für „Obra Social Santa Maria“ betreibt ein Hilfsprojekt für Kinder und Jugendliche bzw. deren Familien in einer Kleinstadt im Nordosten von Brasilien, Timbaúba, mit ca. 60.000 Einwohnern.

Bevor das Projekt OSSAM vorgestellt werden soll, möchten wir kurz in die Problematik von „Problemkindern“ in Brasilien einführen. Hierzu hat die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung – NSNE – einen ausgezeichneten Artikel veröffentlicht, der das Problem am Beispiel Straßenkinder unserer Auffassung nach präzise umreißt. Wir haben diesen Artikel daher fast in Gänze übernommen. Er stellt die gesellschaftliche Problematik, die Straßenkindheit erzeugt, objektiv dar, und wir teilen seine Schlussfolgerungen. Wir haben diesen Artikel lediglich hinsichtlich der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst. Bei Interesse kann man sich über die Arbeit von NSNE über obigen Link weiter informieren.

1.1. Brasilien - Land der Kontraste

In der entwicklungspolitischen Definition gilt Brasilien als Schwellenland; es zählt zur Ländergruppe mit mittlerem Einkommen der oberen Kategorie. Die Größe der brasilianischen Volkswirtschaft, der Reichtum an Bodenschätzen und Land, die diversifizierte Produktionsstruktur und der hohe Grad der Industrialisierung des Landes sind alles Faktoren, die zwar auf eine erfolgreiche Entwicklung hindeuten, die jedoch auch über die ausgeprägten inneren Disparitäten hinwegtäuschen.

In kaum einem anderen Land sind die Kontraste zwischen Arm und Reich, zwischen moderner Industrialisierung und kolonial-feudalen Landwirtschafts- und Besitzstrukturen so krass. Es scheint, die Menschen ein und desselben Landes lebten in zwei verschiedenen Welten: Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen lebt fast die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung in absoluter Armut. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 168 Millionen (Mitte 1999) ist Brasilien eines der Länder mit der größten absoluten Zahl von in Armut lebenden Menschen. 43,5 Prozent der Menschen fristen ihr Dasein mit einem Einkommen von weniger als zwei US Dollar pro Tag. Die Lage dieser Menschen unterscheidet sich kaum von derjenigen der Ärmsten in anderen Teilen der Welt. So sind z.B. über eine Million Kinder unter fünf Jahren unterernährt. Die Gesundheits-, sanitäre und Nahrungsmittelversorgung ist für die Mehrheit der Bevölkerung mangelhaft, und Bildung ist ein Privileg für wenige. Brasilien ist zwar die achtgrößte Industrienation der Welt, rangiert jedoch gemäß dem Index der menschlichen Entwicklung der UNDP von 1995 (HDI) an 62. Stelle.

Ein Großteil der Ärmsten Brasiliens lebt in den Elendsvierteln der großen Städte, in den sogenannten Favelas, wo nur mangelhafte Infrastruktur vorhanden ist, insbesondere in Bezug  auf Wasserversorgung und Kanalisation. Die Bewohner siedeln auf Land, für das sie keinen Rechtstitel besitzen. Da es aber meist ungenutzte und unnutzbare öffentliche Gelände sind - Berghänge, Feuchtgebiete, Lagunen, Müllhalden usw. - ist eine Vertreibung relativ unwahrscheinlich.

Wo die Ärmsten in Sichtweite der annehmlichen Lebensbedingungen der Privilegierten leben, wachsen die gesellschaftlichen Spannungsfelder und Konfliktpotentiale. Die Straßen der großen Städte wie Rio de Janeiro werden zunehmend zum Schauplatz von Konfrontationen zwischen Arm und Reich. Wer seinen Lebensunterhalt nicht als Zeitungs- oder Lotterieverkäufer, Schuhputzer, Bewacher parkierter Autos oder sonst wie verdienen kann, muss sich sein Geld oft auf illegale Weise beschaffen. Auch in den Elendsvierteln selbst ist meist kein Platz für Solidarität - es herrschen dort eigene Gesetze, nach denen jeder auf sich selbst gestellt ist, wenn die Existenz des anderen die eigene gefährdet.

Die extreme Wohndichte und räumliche Enge in den Armenvierteln, verknüpft mit existentiellen Schwierigkeiten, resultiert nicht nur ganz allgemein im sozialen Verfall, sondern  auch in innerfamiliärer Gewalt und Zerrüttung, was die Situation für Kinder und Jugendliche noch gravierender macht und ihre anwachsende Präsenz auf den Straßen zumindest teilweise erklärt. Die steigende Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die auf der Straße arbeiten oder sogar gänzlich dort leben, ist eines der dringendsten Entwicklungsprobleme weltweit, vor allem aber in den klassischen »Straßenkinder«-Ländern Lateinamerikas, angeführt von Brasilien mit heute schätzungsweise zehn Millionen Straßenkindern. Neben Hunger, Unterernährung und Krankheit trägt wohl nichts so sehr zum Verlust menschlichen Entwicklungspotentials bei wie eine Kindheit und Jugend, die außerhalb der Institutionen von Familie und Bildung im meist feindlichen Umfeld der Straße verbracht wird.

1.2. Heimat Straße

Zum Phänomen der »Straßenkinder« gibt es zahlreiche Literatur mit ebenso zahlreichen Widersprüchen, die sich zwischen verklärter Sozialromantik und politischem Ideologismus bewegen. Das Bild von dem Straßenkind wird - je nach Autor - in allen möglichen Schattierungen gezeichnet: Einmal wird es verherrlicht als Träger einer Gegenkultur zur herrschenden Gesellschaftsordnung, deren »Opfer« es ist. Die charakteristische Lebensweise auf der Straße wird zur »Straßenkultur« und die Werte geprägt von der »Straßenethik«. Ein anderes Mal wird das Straßenkind als »reizend« und »bemitleidenswert« gehätschelt - allerdings nur so lange es noch klein und niedlich ist. Dies ändert sich abrupt, wenn es ins Pubertätsalter kommt - dann gehört es als delinquente, faule, homosexuelle, drogenabhängige und aggressive Plage in Verwahranstalten. Schließlich gibt es noch die Varianten, in denen das Straßenkind entweder als psychisch krank, debil oder dissoziiert, oder als »ganz normal«, als besonders gewitzt, wenn nicht sogar als überdurchschnittlich intelligent beschrieben wird. Das Straßenkind gibt es aber nicht. Wenn auch die blanke Not einen wesentlichen Faktor darstellt, ist die Straßenkindheit ein Phänomen, deren Ursachen so vielfältig sind wie die individuellen Charaktere der Kinder und Jugendlichen selbst.

Ein weiterer Stereotyp entsteht dadurch, dass alle Kinder, die sich auf den Straßen aufhalten, unter den Begriff »Straßenkinder« fallen. Die überwiegende Mehrzahl ist jedoch nur scheinbar sich selbst überlassen - die Straße ist lediglich ihr Arbeitsplatz oder - aus Mangel an gut betreuten, bezahlbaren Kindergärten und Jugendzentren - ihr Aufenthaltsort, während die Eltern (häufig alleinerziehende Mütter) einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Man nennt sie deshalb »Kinder auf der Straße« (meninos na rua), während die relative Minderheit der »echten« Straßenkinder (meninos da rua) tatsächlich schwache oder keine familiären Bindungen haben und auf der Straße leben und übernachten. Angesichts all dieser Unterschiede gibt es auch nicht die eine Strategie zur Prävention der Straßenkindheit oder sozialen Reintegration der Kinder.

Diese Unterscheidung zwischen »Kindern auf der Straße« und »Kindern der Straße« soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schritt zum »echten« Straßenkind nur klein ist:

Quelle: Lusk, Mark W.: Street Children Programs in Latin America.

In: Journal of Sociology and Social Welfare, Vol.16, No.1, March 1989.

Die größte Kategorie sind diejenigen Kinder, die in absoluter Armut leben. Sie wachsen in einem höchst unterprivilegierten sozialen Umfeld auf. Es fehlen die minimalsten Mittel zur Befriedigung von Grundbedürfnissen. Elterliche Aufsicht erhalten sie meist gar nicht oder nur ungenügend, weil die Mütter (meist ist nur ein Elternteil vorhanden) zum Gelderwerb irgendeiner Arbeit nachgehen müssen und wegen nicht vorhandener Tagesstätten die Kinder, auch sehr kleine, sich selbst überlassen müssen. Dadurch sind sie einem hohen Risiko ausgesetzt, bald eine »Karriere« auf der Straße zu beginnen.

Der nächste Schritt ist der, dass die Kinder zum frühest möglichen Zeitpunkt für sich selbst aufkommen oder gar zum Familieneinkommen beitragen müssen. Sie werden zu »Kindern auf der Straße«. Sie arbeiten als Schuhputzer, als Verkäufer von Süßigkeiten, Losen, Zeitungen und vielem mehr, sie putzen die Scheiben der im Stau stehenden Autos, führen kleine Kunststücke vor, usw. Um den meist mageren Tagesverdienst aufzubessern, wird auch mal  gebettelt - und wenn dies nichts hilft, gestohlen.  Tragischerweise bieten auch Kinderprostitution und Drogenhandel massenweise finanzielle Anreize.

Häufig können die Kinder am Abend nicht nach Hause zurückkehren und verbringen ein paar Nächte auf der Straße. Entweder ist der Arbeitstag zu lang und der Weg nach Hause zu weit, oder es fehlt das Fahrgeld, oder sie werden erst wieder zu Hause aufgenommen, wenn sie einen bestimmten Betrag erwirtschaftet haben. Daher fällt die Unterscheidung zur dritten Kategorie, den »echten« Straßenkindern, nicht ganz leicht.

Die »echten« Straßenkinder - die »Kinder der Straße« - sind entweder Waisen, oder Kinder, die von ihren Eltern verstoßen oder verlassen wurden. Aber größtenteils sind es Kinder, die von zu Hause weggelaufen sind. Die Straße ist nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern ihre Heimat. In diesem letzten Stadium ist der fundamentale Bruch zwischen Kind und Erwachsenengesellschaft vollzogen. Da sie in einem vollkommenen rechtlichen Vakuum leben, sind sie in hohem Maße Repressionen und der Ausbeutung ausgesetzt, häufig auch durch beamtete Ordnungshüter. Sie erkaufen sich Duldung durch Prostitution, durch Diebstahl-Auftragsleistungen, oder durch Abgabe eines Teils ihres Verdienstes oder ihrer Beute. Jederzeit können sie an ihre Illegalität erinnert, vertrieben, misshandelt und sogar getötet werden. Egal, um welche Kategorie von Straßenkindern es sich handelt, das Phänomen der Straßenkindheit muss im größeren Kontext der »Straßenbevölkerung« gesehen werden. Die Städte Lateinamerikas sind voll heimat- und obdachloser Menschen, die den trockenen ländlichen Regionen entfliehen mussten, weil dort kein Überleben mehr möglich war. Doch in den überfüllten Städten ist der Lebensraum knapp, und die Vorstellung, eine Behausung in den Elendsvierteln sei mietfrei, ist falsch. Es gibt auch dort eine Schicht, die den zur Verfügung stehenden Raum »kontrolliert« und abkassiert. Viele ländliche Migranten können sich daher nicht einmal eine Bretterbude leisten.

1.3. Hilfe ist kein »Kinderspiel«

Viele Straßenkinder werden nach wie vor in überfüllte öffentliche Anstalten gebracht, die jedoch in der Vergangenheit durch Vorfälle wie z.B. Morde und Revolten innerhalb des Anstaltsbereiches traurige Berühmtheit erlangten. Staatliche Anstalten sind noch heute Orte, die bei Kindern und Jugendlichen der Straße eher negative Assoziationen auslösen. Durch so skandalöse Fälle wie die »Säuberungsaktion« im Jahre 1974, bei der etwa hundert Kinder, die in den Straßen von São Paulo herumstreunten, aufgegriffen und umgebracht wurden, aber auch durch die täglichen Erfahrungen mit Erwachsenen, die sich um die Kinder und Jugendlichen »kümmern« wollen und dabei alles andere als edle Motive verfolgen, ist ein radikales Misstrauen in ihnen gewachsen.

Seit das weltweite Problem der Straßenkinder öffentlich geworden ist, geraten sie immer mehr ins Zentrum der Arbeit internationaler Organisationen, staatlicher Stellen und privater Hilfswerke und Vereine. Einerseits ist dies gut so, andererseits ist manchmal auch ein »Kalkutta-Syndrom« zu beobachten, bei dem sich ein zeitweises Mitgefühl in erster Linie an den kleineren Kindern festmacht. Straßenkinder werden von vielen Projekten geradezu umworben, was dazu führt, dass die Straße gerade dadurch attraktiv für Kinder aus den Armenvierteln geworden ist. Sie tingeln von Projekt zu Projekt, nehmen deren Angebote in Anspruch, ohne dass sie jedoch an der Fortführung des Straßenlebens gehindert würden.

Aus diesen und vielen anderen Gründen wäre ein vermehrtes Verlassen des »kurativen« Ansatzes zu Gunsten der Prävention des Straßenkinder-Phänomens notwendig, deren Dreh- und Angelpunkt die Organisation der Armenviertel und ihre Versorgung mit den notwendigsten infrastrukturellen Einrichtungen ist. Bei einer »Teilbehandlung« wird der Kern des Problems - die Familie und ihre sozio-ökonomischen Lebensbedingungen - vernachlässigt, wodurch sich das Straßenkinder-Problem perpetuiert. Daher geht auch die jüngere Fachliteratur mehr und mehr in die Richtung »community development« (Gemeinde-Entwicklung) mit partizipativen Strategien, die die aktive Mitarbeit und Initiative von Familien und Gemeinden fördern. In erster Linie gelten die Gemeindeinitiativen der Schaffung von Kindertagesstätten, die für alle erschwinglich und erreichbar sind. Von weiterer Bedeutung im Rahmen der allgemeinen Organisation der Armenviertel sind Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Gesundheitseinrichtungen sowie Gemeindezentren und Vereinigungen, die gemeinschaftliche Aktivitäten ermöglichen.

1.4. Schlussfolgerungen

Soweit der Situationsbericht über Straßenkinder in Brasilien der NSNE. Er zeigt einmal deutlich die Problematik der „Straßenkindheit“ und angelehnt hieran Vorschläge für Entwicklungshilfe - Projekte jenseits des „Kalkutta-Syndroms“ im Rahmen einer Gemeinwesensarbeit mit partizipativen Strukturen.

Ein von den Autoren unterstütztes Projekt im Nordosten Brasiliens versucht seit Jahrzehnten eine analoge Umsetzung. Es ist das Projekt „Tagesstätte Timbaúba“, der Franziskanerinnen-Kongregation Maria Stern. Hauptziel der Arbeit ist es gerade, so die Leiterin der Einrichtung, Sr. M. Sofia, „die Kinder nicht in dieses Fahrwasser kommen zu lassen“, wo sie letztendlich nur auf der Straße landen würden. Und dass dieses Leitmotiv eine lebensweltorientierte Umsetzung erfährt, das möchten wir gerne durch unsere Kurzdokumentation anschaulich zeigen.

2. Die Tagesstätte OSSAM in Timbaúba, Pernambuco, Brasilien

Älteste Grundlage unserer nachfolgenden Dokumentation stellte der in den Literaturhinweisen erwähnte Einführungsbericht der Kindernothilfe aus dem Jahr 1989 dar. Dieser basierte auf einem Aufsatz der Leiterin der Einrichtung, Sr. M. Sofia Salanga. Wir haben ihn mit Erlaubnis der Autorin Großteils übernommen. Er ist jedoch bald 20 Jahre alt und so wurde der Text von uns in den letzten Jahren mehrfach, entsprechend der teils vor Ort geführten Gespräche mit Mitarbeitern der OSSAM teils auch durch regelmäßigen Schriftwechsel mit der Leiterin, aktualisiert und ggf. auch abgeändert. Die Dokumentation ist jedoch immer mit Sr. M. Sofia abgeglichen.

2.1. Die Stadt Timbaúba und die Problemsituation armer Familien

Die Stadt Timbaúba (60.000 Einwohner) liegt im Bundesstaat Pernambuco im Nordosten Brasiliens. Von der Landeshauptstadt Recife liegt sie ca. 100 km entfernt. Bis zur Landesgrenze des Nachbarstaates Paraiba sind es ca. 30 km. Die Stadt liegt in der sogenannten „Zona de mata“, der ehemals bewaldeten, regenreichen Küstenzone, die heute ausschließlich mit Zuckerrohr bepflanzt ist.

Die Bevölkerung arbeitete bis vor wenigen Jahren hauptsächlich auf den Zuckerrohrfeldern und in einer Zuckerfabrik, wo es jedoch auch in guten Zeiten nur für eine Zeit von 5 bis zu 7 Monaten Arbeit gab. Von den Zuckerfabriken und den Fabriken zur Alkoholdestillation mussten zwei Drittel schließen. Auch die früher beachtliche Schuhfabrikation in Industrie- und Hausbetrieben und eine mittelgroße Baumwollspinnerei und -weberei sind unter dem Druck weltweiter Globalisierung und Modernisierung mittlerweile wirtschaftlich so stark angeschlagen, dass sie als Beschäftigungszweig kaum mehr eine Rolle spielen. Die Bevölkerung schlägt sich somit meist nur noch mit Gelegenheitsarbeiten durch. Derjenige, der eine Anstellung zum Mindestlohn findet, fühlt sich schon glücklich. Ansonsten nimmt der eher informelle, unorganisierte Handel mit Billigwaren zu, was nicht mehr als ein Strohhalm für die darstellt, die bereits bar jeder Hoffnung diese ganz nicht aufgeben wollen. Unter der armen Bevölkerung sind viele Nachkommen von Sklaven, die in den Zuckerrohrplantagen gearbeitet haben, und sie sind bis heute noch abhängig von den Landbesitzern. Ein anderer Teil der Bevölkerung sind Zugewanderte, die in Dürrezeiten das Land verlassen haben, und nun auf dem Markt oder durch andere Dienstleistungen ihren Lebensunterhalt suchen.

Die Stadt selbst dehnt sich von einem Flusstal über drei Berge aus. Im Tal befinden sich die Geschäftshäuser und Wohnungen der wohlhabenden Einwohner, auf dem Berge wohnen die Armen und Notleidenden.

 

 

 

Auch heute noch besteht große Not mit geregelter/regelmäßiger Wasserversorgung. Ältere Häuser und Hütten haben weder einen Wasseranschluss noch eine Abflussvorrichtung. Sind neuere Gebäude bereits mit einem Wasseranschluss verbunden, dann heißt das aber immer noch nicht, dass auch regelmäßig Wasser fließt. Oft funktioniert diese Wasserversorgung nur alle zwei Wochen für wenige Stunden.

Für die gesamte Bevölkerung steht daher ein Wassertank oben auf dem Berg zur Verfügung, und jede Familie hat das Recht, sich mit Wasser einzudecken. Dieses muss dann mit Kanistern abtransportiert werden. Da dies oft wochenlang die einzige "regelmäßige" Wasserquelle ist, bilden sich meist lange Warteschlangen.

 

Viele Hütten sind noch aus Holz oder Lehm errichtet, und in den Regenzeiten, wenn die Menschen größeren Schutz bräuchten, halten sie dem Wetter oft nicht stand und fallen zusammen.  Nur wenige Menschen besitzen eine eigene Hütte, die meisten zahlen eine hohe Miete für geringen Platz; denn die Hütten sind eng, und fast niemals ist Raum genug, um für jede Person ein Bett aufzustellen.

Die Kinder schlafen oft zu zweit oder dritt in einem Bett, viele auch in Hängematten, und manchmal muss ein Stück Pappe oder ein Tuch auf dem Boden das Bett ersetzen. Raum zum Lernen oder Spielen ist nicht vorhanden. Oft sieht man die Kinder auf der Türschwelle mit dem Heft auf den Knien sitzen, um mitten in dem Lärm und der Unruhe der jüngeren Geschwister die Schularbeiten zu erledigen.

Die Kinder spielen in den Gräben, die vom Regen ausgespült wurden und die die einzigen natürlichen Abflusskanäle und Schutthalden dieses Viertels sind oder sie spielen auf den Müllhalden selbst.

Die wirtschaftliche Situation dieser Familien ist meist sehr schlecht. Noch nicht einmal alle verdienen den gesetzlich festgelegten Mindestlohn, den „salario minimo“, von umgerechnet ca. 166,-- Euro monatlich (Stand vom 29.02.2008, Medida Provisória nº 421/2008, 415,--R$). Der Mindestlohn ist niemals ausreichend, um eine Familie mit drei bis zu acht Kindern zu ernähren. Vor allem Basislebensmittel (Bohnen, Zucker, Milch, Brot...) sind in den letzten Monaten sehr gestiegen, sodass die knapp 10-prozentige Lohnerhöhung keine Verbesserung der Lebenssituation bringt.

Die Arbeit der Männer ist schwer, 10 bis zu 14 Stunden täglich, manchmal ist nicht einmal der Sonntag frei. Die Frauen bemühen sich zu den Lebenskosten beizutragen, indem sie Wäsche wäschen oder Heimarbeiten für die Fabriken anfertigen, die sehr zeitaufwendig sind und schlecht bezahlt werden. Den Mädchen wird ab ungefähr acht Jahren die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übertragen, und die Jungen müssen in diesem Alter mitzuverdienen durch den Verkauf von Eis am Stiel, Früchten, Erdnüssen und anderen Artikeln, die sie in den Häusern der Reichen anbieten. Mit 12 Jahren begleiten sie den Vater schon aufs Feld, um beim Zuckerrohrschneiden zu helfen. Darum gehen Kinder oft ab neun und zehn Jahren schon nicht mehr zur Schule, und für eine Berufsausbildung gibt es keine Zeit und kein Geld.

Die Ernährung ist mangelhaft und einseitig. Das Geld reicht nicht einmal für die Grundnahrungsmittel Reis, Mais und Bohnen, geschweige denn für Obst, Gemüse und Fleisch. Oft wird lediglich trockenes Maniokmehl, das selbst keinerlei Nährwert hat, mit Zucker vermischt und dazu wird Zuckerwasser getrunken oder die Zuckerrohrstückchen werden selbst gelutscht. Dies muss den gröbsten Hunger stillen. Unterernährung und die daraus folgenden Krankheiten bedrohen so das Leben der Menschen von klein an. Babys kommen oft schon unterernährt zur Welt. Da Frischmilch zu teuer ist, wird Trockenmilchpulver mit einem Mehlbrei gestreckt, so dass die Nahrung für mehrere Tage reicht. Die Kindersterblichkeit ist entsprechend hoch. Verunreinigtes Trinkwasser und fehlende Hygiene führen zu Wurm- und Hautkrankheiten, zu Darminfektionen und anderen Krankheiten. Der staatliche Gesundheitsposten verteilt zwar Wurmmittel oder auch Antibiotika, aber dies ist keine große Hilfe, da die Ursachen und die Umweltbedingungen unverändert bleiben.

In Timbaúba gibt es einige Privatschulen mit Kindergärten, für die jedoch Schulgeld und sehr viel Unterrichtsmaterial verlangt wird. Diese Schulen nehmen Kinder ab 2 und 3 Jahren an, sind für die Armen jedoch zu teuer.

Dazu meint die Leiterin der Einrichtung: „Dies ist eines der vielen Beispiele für Ungerechtigkeit: die Kinder, die zu Hause Essen, Spielzeug, gebildete Eltern, eine Hausangestellte und jede Möglichkeit für eine körperliche und geistige Entwicklung besitzen, können außerdem noch die Privatschule besuchen. Die Kinder der Armen, die zu Hause nichts von all dem haben und manchmal Stunden zu Hause eingesperrt sind mit einem Teller Essen auf dem Stuhl oder auch auf dem Boden, während die Mutter die Wäsche der Reichen wäscht, für diese Kinder gibt es keine Vorbildung für den späteren Schulunterricht der Alphabetisierung. Die Benachteiligung beginnt schon bei der Geburt und vervielfacht sich dann in jeder Lebensphase.’

Die Unterrichtsqualität in den öffentlichen Schulen ist sehr schlecht: die Ausbildung des Lehrpersonals ist ungenügend und praxisfern. Sie bezieht beispielsweise die Herkunftssituation der Kinder nicht mit ein. Die Schulverwaltung selbst ist größtenteils verantwortungslos: viele Unterrichtsausfälle mit Scheinbegründungen, die Schulspeisung kommt nicht regelmässig, Fachlehrer fehlen oft monatelang, didaktisches Material und Fortbildungen für die Lehrer sind ungenügend, der Lehrerlohn ist niedrig und nicht motivierend und zwingt viele, 2 –3 Lehrerstellen zu übernehmen, sodass keine Zeit für Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen bleibt…; die Schulpolitik täuscht die Bevölkerung mit Scheinprojekten über den Qualitätsmangel weg, z. B.: Alphabetisierungskurse für Jugendliche und Erwachsene zur “Ausrottung der Analphabeten” und gleichzeitig werden in den Grundschulklassen Analphabeten produziert, die in 10 Jahren wieder solche Kurse brauchen werden (Die Kinder werden ohne Lese- und Schreibkenntnisse in weiterführende Klassen versetzt, können natürlich weder Schulaufgaben noch Hausaufgaben schreiben und geben in der 3. oder 4. Klasse nach einigen Wiederholungen den Schulbesuch auf) Oder: der Unterricht während der Woche fällt aus wegen Reparaturarbeiten, samstags und sonntags funktioniert aber eine Art “Bürgerschule” mit Kurz-Kursen zur “Berufsausbildung” . Zitat Sr. Salanga: „Man spart an der Basisqualität und täuscht mit Ornamenten.“

Aus diesen und anderen Gründen gelangen die Kinder der Armen kaum bis zum Abschluss der Grundstufe (4. Klasse), viel weniger bis zur 8. Klasse oder eventuell zum Besuch einer Berufsausbildung (Lehrerausbildung, Buchführung, Krankenpflege). Oft gehen die Kinder denselben Weg wie ihre Eltern, arbeiten in der Zuckerrohrernte, nehmen Gelegenheitsarbeiten an und können, wenn sie Glück haben, einen Arbeitsplatz in der Fabrik oder in einer Werkstätte finden. Die Mädchen heiraten oft schon mit 13 oder 15 Jahren und werden als Hausangestellte oder Waschfrauen ausgenutzt. Nur wenige finden von sich aus diesem Elendskreis heraus.

Darüberhinaus ist die Ausbildungssituation für Jugendliche noch heute fast unerträglich und es ist auch für motivierte Jugendliche schier unmöglich einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu finden. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit mit den negativen psychischen und ökonomischen Folgen für eine schon geschwächte Bevölkerungsgruppe führt zwangsläufig in Drogen- und Alkoholkonsum  und letztendlich in die Kriminalität. Selbst Jugendliche mit “Formatura” (entspricht bedingt unserem Abitur) bekommen keine Stellen, sodass es sinnlos scheint, sich in der Schule anzustrengen.

2.2.   Das Projekt der OSSAM - Obra Social Santa Maria in Timbaúba / Pernambuco

 

Die Einrichtungen der OSSAM in Timbaúba möchten eine Lösung für diese Situation finden. Sie wurde als eine Sozialarbeit der Schule „Colegio Santa Maria“ gegründet, die eine Privatschule ist und hauptsächlich von Kindern wohlhabender Eltern besucht wird.

Die Schule gehört der Kongregation „Franciscana Maristella do Brasil“, mit dem Mutterhaus Kloster Maria Stern in Augsburg, Deutschland, und die Schwestern versuchen mit den Erträgen der Schule die Tagesstättenarbeit mit zu finanzieren. Dies gelingt heute jedoch nur noch unzureichend bis gar nicht mehr, da die Privatschulen in Brasilien zunehmend den Restriktionen der brasilianischen Regierung zum Opfer fallen und sie somit Mühe haben sich selbst über Wasser zu halten.

Die Gebäude der OSSAM wurden 1981 am Stadtrand gebaut. Für den Unterricht und die Hortbetreuung stehen fünf Gruppenräume und sechs Fachräume zur Verfügung. Weiterhin haben die Gebäude eine Küche, ein Büro, zwei Abstellräume und acht Toiletten, zwei Badezimmer, einen Garten, einen Spielplatz und einen kleinen Fußballplatz. Ein kleines Familienhaus mit Hof, das auch als Notunterkunft dienen kann, wurde vor kurzem gekauft.

 

 

Bevorzugt werden in diesem Projekt Kinder aufgenommen, die aus Familien kommen, die von einem Mindestlohn oder weniger leben müssen. Das Betreuungsangebot hat sich in den Jahren der Nachfrage und den Bedürfnissen der Kinder, Jugendlichen und ihren Familien angepasst. Zurzeit hält OSSAM folgendes Angebot vor:

Angebot                                                                 Betreuungszeiten                                                   Anzahl der Kinder

 

Kindergarten/Vorschule                                         4 Std. / Tag                                                             100

(= schulvorbereitende Maßnahme)

 

Alphabetisierungsklasse                                         8 Std. / Tag                                                             35

 

Hort                                                                       4 Std. / Tag                                                             210

(= schulbegleitende Maßnahme)                                             (= 2Std. + Kursangebot)

 

Berufsvorbereitende Kurse:    Kochen und Hauswirtschaft für Jugendliche (Jungen und Mädchen) – 2x3 Wochenstunden

                                               Kochen, Hauswirtschaft und versch. Handarbeitstechniken für Mütter – 4 Wochenstunden

 

Berufsausbildung:                   Maschinenschreiben/Informatik

                                               Schuhmacherei

                                               Schneidern und Textilarbeit

                                               Elektroinstallation

                                               KFZ – Mechanik                                                                                   ca. 40-50 Jugendliche

                                               2 Maurerkurse (NEU ab April 2008)                                                     je 26 Teilnehmer

 

Daneben wurden auch zwei Gruppen zur Alphabetisierung von Erwachsenen eingerichtet und eine Gruppe für werdende Mütter.

 

Stand: 2008

Für die Ausbildungs-, Verwaltungs- und Sozialarbeit stehen 5 von der Stadtverwaltung bezahlte Angestellte zur Verfügung, die weiter notwendigen 20 Angestellten werden teils von der Kindernothilfe, teils von weiteren deutschen Spenden bezahlt. Die Kongregation selbst setzt außer der Leiterin der Einrichtung noch eine junge Schwester als Lehrkraft ein. Weiterhin erhält OSSAM einen, wenn auch geringen, „staatlichen Zuschuss“.

Die Kinder des Kindergartens / (der Vorschule) werden täglich für vier Stunden betreut. Sie spielen, werden im Unterricht geistig, sprachlich und in ihrem Verhalten zur Umwelt gefördert, und ihre motorische Koordination wird entwickelt.

Aufgrund der unzureichenden finanziellen Situation der Herkunftsfamilien besteht bei den Kindern, wie gesagt, meist eine Mangelernährung. Damit sich die Kinder entsprechend entwickeln und lernen können ist jedoch eine ausgewogene, vitamin- und nährstoffreiche Kost notwendig. So ist ein Bestandteil der Gruppenarbeit auch das gemeinsame Mittagessen der Kinder. Über die reine Nährstoffeinnahme hinaus fördert diese gemeinsame Mahlzeit natürlich auch die soziale Entwicklung der Kinder und vermittelt ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Im letzten Vorschuljahr werden die Kinder schon auf den Alphabetisierungsunterricht (=Alphabetisierungsklasse) vorbereitet, sodass sie gut gerüstet das 1. Schuljahr in den öffentlichen Schulen beginnen können. Die Unterstützung des Erlernens von Lesen bzw. der Schriftsprache allgemein ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von OSSAM. Kinder werden so früh als möglich an die „Liebe zum Buch“ herangeführt, und wie sollte das besser gelingen als wieder in der Gruppe selbst. Analphabetismus ist ja mithin einer der Bedingungsfaktoren von Armut und Abhängigkeit.

So haben die Kinder die Möglichkeit zu den regelmäßigen Öffnungszeiten der kleinen Bücherei in der Einrichtung sich Bücher auszuleihen. Und dass sie dieses Angebot sehr gerne nutzen.

 

 

Der größte Teil der älteren Kinder und Jugendlichen besucht die öffentlichen Schulen der Stadt, ein kleinerer Teil hat die Möglichkeit auf die Privatschule der Kongregation zu gehen, wobei diese Schüler dann von der Schulgeldzahlung befreit sind und aus Mitteln der OSSAM Schulmaterial und Schuluniform erhalten. Im Hort der Einrichtung können die Kinder und Jugendlichen unter Anleitung ihre Hausaufgaben machen, erhalten schulergänzende Lernhilfe, Religionsunterricht und nehmen ihre Mahlzeiten ein. Der Hort bietet überdies das oben erwähnte Kursangebot (=berufsvorbereitende Kurse).

Berufsausbildungsmaßnahmen setzen nach der regulären Schulzeit an. Die Einrichtung, die anfangs hauptsächlich zur Vorschulerziehung und Tagesbetreuung gegründet wurde, erweiterte aufgrund der im Laufe der Jahre gemachten Erfahrungen diese Arbeit und begleitet jetzt die Jugendlichen auch über die Schulzeit hinaus bei der Berufsausbildung bzw. bietet selbst Ausbildungsangebote in unterschiedlichsten Bereichen an. Zum Teil haben diese Ausbildungsangebote auch eine staatliche Anerkennung, was nach bestandener Abschlussprüfung mit entsprechender Zertifizierung bei der nachfolgenden Arbeitsplatzsuche von erheblichem Vorteil ist.

Im Jahr 2003 begann der Umbau einiger früher anders genutzter Räumlichkeiten für ein "Zentrum für Frauenbildung". Speziell für Jugendliche (Jungen und Mädchen), junge Frauen und Mütter gibt es das Angebot einer lebenspraktischen Schulung in Hauswirtschaft und unterschiedlichsten Handarbeitstechniken. Nachdem mit Hilfe verschiedener lokaler Organisationen Bau und Einrichtung des Zentrums realisiert waren, fand OSSAM als Ausbildungsleiterin eine schon reifere, sehr engagierte Dame, die neben der Vermittlung von hauswirtschaftstechnischen Kenntnissen vor allem an der Steigerung des Selbstwertgefühls von Frauen arbeitet.

Im „Zentrum“ finden Kurse statt. Drei Kurse sind für die Mütter der Schülerinnen und Schüler von OSSAM. An einem weiteren Kurs können die Kinder und Jugendliche (Mädchen und Jungen) selbst teilnehmen.

Da in der Stadt Imbissecken, Kuchenverkauf auf der Straße, sowie das Gaststätten- und Hotelgewerbe stark zunehmen, sollen die Jugendlichen ermutigt werden dieses „Arbeitsfeld“ als eine weitere Möglichkeit für ihren Lebensunterhalt anzusehen.

Einige Bildbeispiele geben einen Eindruck von der Ausbildungssituation vor Ort.

Unterricht in den Fachräumen

für Holztechnik

 

und Elektrotechnik

 

 

Mädchen beim Schneidern

 von Kleidungsstücken

 

Angehende Kfz-Mechaniker

beim Werkstattunterricht

 

Kfz-Werkstatt

 

Kochen und Hauswirtschaft

 für Jugendliche

Kurs für Mütter in Hauswirtschaft und …..

 … in unterschiedlichen Handarbeitstechniken

 

Zitat der Leiterin der Einrichtung:

„Wir sind sehr glücklich über die Möglichkeit, den Jugendlichen, jungen Frauen und vor allem Müttern eine intensivere hauswirtschaftliche (Aus-)bildung anbieten zu können; denn in deren Hand liegt vor allem die Erziehung der nächsten Generation. Eine Erweiterung des Horizonts und eine neue Weltsicht wird ihre Auswirkung haben auf das familiäre Zusammenleben, die Kinderzahl und die Lebens- und Berufschancen der Jugendlichen.“

In Zusammenarbeit mit SENAI (etwa vergleichbar mit der deutschen Industrie- und und Handelskammer) führt OSSAM seit Jahren bereits eine zweijährige, anerkannte Berufsausbildung im Bereich Kfz-Technik durch.

Zwei Tage wöchentlich bezahlt OSSAM ebenfalls seit einigen Jahren eine Psychotherapeutin. Viele Kinder und Mütter erfuhren von klein auf viel Gewalt und Ablehnung, erleben fast täglich Streit und Gewalt in der Familie, wechselnde Partner der Mutter. Sexueller Missbrauch, Misshandlungen, Verwahrlosung, Lern- und Verhaltensstörungen sind die unvermeidliche Folge solcher Situationen, später auch schwere Depressionen und Zwangszustände. Zitat Sr. M. Salanga: „Unsere Psychologin ist mit den vielen Fällen mehr als ausgelastet. Wir sind sehr froh, dass wir ihren Dienst anbieten können.“

Zusammenfassend wird deutlich, dass das Betreuungs- und Bildungssystem von OSSAM systematisch aufgebaut ist und den unterschiedlichen Bedürfnissen verschiedener Altersgruppen angepasst ist. Die Kinder werden dort abgeholt, wo sie stehen und die unmittelbare Lebensrealität wird in die Arbeit eingebunden. Es soll eben keine Sozialarbeit sein, die an den Bedürfnissen vorbeiläuft. Somit muss sie flexibel bleiben und immer auf aktuelle Veränderungen vor Ort regieren.

Dadurch erhalten Kinder und Jugendliche der Armenviertel der Stadt Timbaúba die Chance einer Straßenkindheit zu entgehen und ihr Menschenrecht auf Bildung und Ausbildung wird verwirklicht.

Auf diesem Weg trägt das Projekt dazu bei, eine neue Generation zu erziehen, die Verantwortung für die Familie und andere Gesellschaftsgruppen bei der Arbeit, im Wohnviertel oder bei öffentlichen Amtsstellen übernimmt, eine Generation, die ihre Rechte kennt und Mittel weiß, diese für sich und ihre Kollegen zu erlangen, eine Generation, in der ein jeder sich als demokratischer, ehrlicher, christlicher Bürger erweist, der fähig und willens ist, Vertrauen besitzt und als ein echter Bruder für alle handelt.

Sozialarbeit im Lebensumfeld ….

…. und als „Streetwork“

Dies beinhaltet über die Arbeit mit dem einzelnen Kind oder Jugendlichen hinaus ganz wesentlich auch die Arbeit mit der Herkunftsfamilie. In aufsuchender Sozialarbeit, durch Hausbesuche und Familiengespräche bietet sich die Möglichkeit im Lebensumfeld der Familien mehr über individuelle Problembereiche zu erfahren umso gezielter Hilfen anbieten zu können. Diese Hilfen können unterschiedliche Schwerpunkte haben und vom Zur-Verfügung-Stellen von Haushaltsgeräten, Schulmaterial bis hin zu Kleinkrediten für Baumaterial reichen. Immer ist Hilfe zur Selbsthilfe die Devise. In monatlichen Versammlungen wir zudem themenzentriert an Bereichen wie Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Familienleben und Kindererziehung gearbeitet. Auch Kommunalpolitik und aktive Teilnahme am Gemeinwesen sind wesentliche Themen der auf Partizipation ausgelegten Sozialarbeit.

Und hier schließt sich wieder der Bogen hin zu den in Punkt 1.3. genannten Eckpunkten einer entwicklungshilfepolitisch modernen Sozialarbeit: weg von dem rein „kurativen“ Ansatz und hin zur präventiv partizipativen „Gemeindeentwicklungsarbeit“, die zum Ziel hat rein passive Hilfeempfänger zur aktiven Veränderung ihrer sozio-ökonomischen Lebensbedingungen anzuhalten bzw. sie hierzu zu befähigen, um zumindest mittel- bzw. langfristig über die Bewusstseinsänderung die Gesellschaft zu erneuern.

3. Aktuelle Entwicklungen (Stand: März 2008)

OSSAM betreut weiterhin über 400 Kinder und Jugendliche vom Kindergarten über Hort bis zu den berufsbildenden Kursen.

Einige junge motivierte Studenten bekommen zusätzlich den Unterhalt für ein Universitätsstudium finanziert.

Nach der Initiative von OSSAM im Jahre 2003 mit dem Zentrum für Frauenbildung (siehe oben) für Jugendliche (Jungen und Mädchen) und Mütter, reiften in den letzten Jahren zusätzliche Anstrengungen etwas für die schlechte Ausbildungssituation von jungen Männern zu unternehmen.

Im Jahr 2008 und in Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen und NGO‘s startete im April ein Ausbildungsprogramm für junge Männer und auch deren Väter. Es sind Handwerksberufe im Baugewerbe, die keine abgeschlossene Schulausbildung voraussetzen. Hierzu nahm OSSAM Kontakt mit der Kommune Timbaúba auf und dem SENAI. Diese Kooperation hat sich bereits vorzüglich vor Jahren mit dem Ausbildungsprogramm für KFZ-Mechaniker (s.o.) bewährt.

Die Institution SENAI sicherte Ausbildungsverträge für die Grundausbildung für Bauarbeiter zu, in denen folgende Kurse als Basiswissen enthalten sind: Maurer, Verputzer, Fliesenleger, Installateur für Wasserver- und -entsorgung, aber auch Dachdecker und Elektroinstallateure. Beide letzteren Kurse werden allerdings gänzlich auf Kosten des Sozialwerkes OSSAM finanziert.

Auch die Kommune Timbaúba sicherte OSSAM für das Unternehmen ein entsprechend großes Grundstück zu (ca. 360m2).

Die Grundkurse nun, die im April 2008 beginnen sollen, sind für maximal 26 Teilnehmer je Kurs ausgelegt und dauern bis zu zwölf Wochen.

Da die Väter während der Ausbildung keiner weiteren Tätigkeit mehr nachgehen können, aber gleichzeitig den Unterhalt für ihre Familien bestreiten müssen, erhalten eine Art Taschengeld in Höhe von wöchentlich 50 R$ (ca. 20 EUR).

Es sollen parallel zwei Kurse abgehalten werden, einen für Väter und einen anderen für junge Erwachsene (17-24 Jahre).

Maurerkurs

Als weiterer wichtiger Kooperationspartner konnte der brasilianische Konzern für Baumaterialien und zivile Konstruktion VOTORANTIM gewonnen werden. Er unterstützt landesweit in einer Art Sozialprogramm in Zusammenarbeit mit dem SENAI die Ausbildung im Baugewerbe.

Als praktisches Trainingsprojekt, zu Übungszwecken und als sichtbares Ergebnis der Maurerkurse plant OSSAM mit Ausbildern und Auszubildenden die Errichtung einer Kapelle, ganz in der Nähe des Sozialprojektes.

4. Möglichkeiten der Unterstützung

OSSAM in Timbaúba leistet nach Meinung der Autoren moderne Sozialarbeit im Nordosten Brasiliens, das nicht zu Unrecht auch das „Armenhaus Brasiliens“ heißt. Die Autoren haben sich hiervon vor Ort bereits mehrfach einen persönlichen Eindruck verschafft und fördern selbst dieses Hilfsprojekt.

Die vorausgegangene Darstellung der Arbeit von OSSAM beansprucht nicht für sich allumfassend das vorhandene Netzwerk der Hilfe aufzuzeigen. Es handelt sich um einen groben Abriss, der jedoch die einzelnen Facetten beleuchtet. Es ist ein in sich stimmiges Netzwerk an Hilfen, das vom Engagement jedes einzelnen Mitarbeiters lebt und so über die Jahre auch lebendig geblieben ist und mit den Veränderungen des Gemeinwesens sich selbst immer wieder erneuert ohne jemals den eigenen Grundsätzen christlicher Sozial- und Entwicklungshilfearbeit untreu geworden zu sein.

In Deutschland unterstützt z. B. die Kindernothilfe (seit 1. Januar 2006 mit eigener Organisation in Brasilien) diese Arbeit durch Patenschaften. Die Zusammenarbeit mit AMENCAR in Brasilien wurde aufgekündigt. Bezüglich der Übernahme von Kinder- und/oder Projekt-Patenschaften sollte man sich direkt an die Deutsche Kindernothilfe e.V. wenden (Postfach 281143, 47241 Duisburg).

Es besteht jedoch auch die Möglichkeit einer direkten Unterstützung der Arbeit von OSSAM in Timbaúba. Hierzu spenden Sie bitte unter dem Stichwort: OSSAM-Hilfe an folgende Bankverbindung des Mutterhauses Kloster Maria Stern in Augsburg:

 

Spendeadresse:

Missionsprokura Maria Stern

Ligabank Augsburg

BLZ: 750 903 00

Kto.: 136 689

(Bitte wegen der Spendenquittung bei Kontoinhaber entsprechend genaue Angaben - mit Anschrift - machen!)

Weitere Auskünfte erteilen die Autoren der Dokumentation unter.

Welt-Traveler

c/o J. W. Kriks

Gerlachstr. 23

97922 Lauda - Königshofen

Homepage: www.welt-traveler.com

E-Mail: admin@welt-traveler.com

Zu Ihrer direkten Information stellen wir folgende Dokumente online zur Verfügung. Sie können unter Beachtung des © Copyrights heruntergeladen und verbreitet werden.

 

Die Informationen zu OSSAM werden je nach Bedarf und Entwicklung des Projektes fortgeschrieben und Sie können bei Interesse das Dokument hier als PDF - Datei herunterladen. Der aktuellste Informationsstand ist von April 2008.

 

Wenn Sie selbst weitere Förderer zu werben möchten bzw. Spenden für das Projekt sammeln wollen, können Sie z.B. eine Kurzinformation der Einrichtung als Flyer an unterschiedlichen Orten (z.B. Kirchen, Schulen, ...) auslegen. Der Flyer kann hier heruntergeladen und vervielfältigt (unter Einhaltung des Copyrights) werden.

 

 

Weitere Förderer (keine vollständige Liste):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WELT-TRAVELER

Die Homepage der Autoren

... traveling by choice

 

 

 

 

5. Literaturhinweise

Kindernothilfe: Einführungsbericht. Tagesstätte „Centro Social Estrela do Guarani“, Timbaúba, Bundesstaat Pernambuco/Brasilien - Projekt Nr. 9350. (Stand Juli 1989)

Kindernothilfe: Einführungsbericht. Tagesstätte „Centro Social Estrela do Guarani“, Timbaúba, Bundesstaat Pernambuco/Brasilien - Projekt Nr. 9350. (Stand Juni 2001)

Kriks, J., Kriks, U.: OSSAM. Entwicklungshilfeprojekt der Franziskanerinnenkongregation Maristella do Brasil, Timbaúba – PE, Brasilien. Eigenverlag Kriks 2001.

Kriks, J., Kriks, U.: OSSAM. Entwicklungshilfeprojekt der Franziskanerinnenkongregation Maristella do Brasil, Timbaúba – PE, Brasilien. Eigenverlag Kriks 2003.

Kriks, J., Kriks, U.: OSSAM. Entwicklungshilfeprojekt der Franziskanerinnenkongregation Maristella do Brasil, Timbaúba – PE, Brasilien. Eigenverlag Kriks 2006.

Lusk, Mark W.: Street Children Programs in Latin America. In: Journal of Sociology and Social Welfare, Vol.16, No.1, March 1989

Novartis Stiftung für nachhaltige Entwicklung (NSNE): Straßenkinder in Brasilien (deutsch/englisch), Novartis 2001. Website: http://www.novartisstiftung.org/

6. Bildnachweise

Alle Farbbilder im Textteil sind aus dem persönlichen Fotoarchiv von Welt-Traveler bzw. aus dem Photoarchiv von OSSAM selbst.

Das Deckblatt der Dokumentation enthält außerdem Bilder aus der Fotosammlung von Fam.Tiedtke.

                                               ___________________________                                                 

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